Offenes vs. geschlossenes System

In meinem ersten Artikel für Mobile Marketing Welt widme ich mich dem Thema Content auf mobilen Geräten. Ich vergleiche dabei die beiden Tablets „iPad“ und das demnächst erscheinende „WePad“. Dabei zeige ich einige Vor- und Nachteile von offenen (WePad) und geschlossenen (iPad) Systemen in Bezug auf diese Geräteklasse auf.

iPad

Am ersten Aprilwochenende erschien das iPad von Apple. Durch geschicktes Marketing und insbesondere auf Grundlage des Erfolgs durch das iPhone und der iPod-Serie wird es Apple gelingen eine neue Geräteklasse salonfähig zu machen.

Tablet-PC´s sind an sich keine neue Erfindung wohl aber die Art und Weise wie diese nun bedient werden können. Apple hatte in der Vergangenheit von einigen Versuchen einmal abgesehen (bspw. Apple Newton) nicht die Rolle eines Technologieführers oder Innovationsvorreiters besetzt. Dagegen verstand es der Konzern aus Cupertino perfekt die Bedürfnisse einer großen Anzahl von Nutzern zu befriedigen. Die Geräte von Apple stellen diesen nur die Funktionen zur Verfügung die auch wirklich für eine problemlose und einfache Nutzung der Geräte notwendig sind.

Technisch mögliche, aber nur selten genutzte Funktionen, oder aber den Nutzer überfordernde Bedienungselemente entfallen. Nokia hat mit seinen Mobiltelefonen zwar gezeigt was technisch möglich ist, nur wurde die Benutzersicht lange Zeit vernachlässigt.

Quelle: Apple

WePad

Im Lauf des Jahres erscheint im Juli/August 2010 das WePad von der Firma Neofonie. Ebenfalls ein Tablet aber mit einem anderen Ansatz dieses auf dem Markt zu positionieren. Laut Neofonie soll das WePad aber nicht als iPad Konkurrent gesehen werden, sondern vielmehr als Linux-Netbook ohne Tastatur. Aussstattungstechnisch wird es zwei Versionen geben. Der Einstieg erfolgt zu 449 Euro (16 GB, Wi-Fi). Die zweite Variante kostent 569 Euro und beherrscht zusätzlich 3G, GPS und ist für Full HD Videos tauglich. Zudem können beide Versionen um bis zu 32 GB mit einer SDHC Speicherkarte erweitert werden.

Quelle: Neofonie

Gerätevergleich

Die nachfolgende Tabelle zeigt ausgewählte Eigenschaften der beiden Tablets. Zusätzlich wurde noch der Kindle 2 von Amazon dem Vergleich hinzugefügt um zu zeigen wie Content auf den Geräten dargestellt wird. Amazon bietet zudem die Möglichkeit an Inhalte für den Kindle auch auf anderen Geräten darstellen zu können, bpsw. über eine spezielle App.

iPad WePad Kindle 2
Hersteller (Unternehmen) Apple Neofonie Amazon
Größe (L x B x H) in cm 24,3×19x1,3 29×19x1,3 20×13,5×0,9
Gewicht 680g 800g 289g
Display farbig farbig schwarz/weiß
Display – Größe (Zoll) 9,7 11,6 6
Display – Auflösung 1024×768 1366×768 (Full HD bei 3G) 800×600
Laufzeit 10 Stunden 6 Stunden 1 Woche
Speicher 16 / 32 / 64 GB 16 GB (32 GB bei 3G) 2 GB (davon 1,4 GB frei)
Erweiterung möglich nein SD-Karten-Slot nein
Flash / Adobe AIR nein / nein ja / ja nein / nein
Erhältlich in Deutschland April 2010 Juli/August 2010 Februar 2011
Preis ab 499 $ 449 € 259 $

Auslieferung von Inhalten

Die Hauptfunktion des iPad und WePad werden in der Darstellung von Content (Inhalte wie Text, Bilder, Musik, Videos, Internet) liegen. Dies wird über die Grundfunktionen der Geräte oder eine der vielen mobile Apps (iPad und WePad) oder diverser Programme (WePad) erfolgen. Das WePad braucht sich dabei nicht hinter dem iPad bezüglich der Funktionen zu verstecken. Es wird interessant werden, ob und wenn ja wie die Bedienung des WePad an die des iPads heranreichen wird (Sensoren, Display, etc.). Apple steht hier quasi als Referenz an der sich alle anderen Hersteller messen lassen müssen. Dagegen ist das WePad dem iPad bezogen auf die Schnittstellen (zusätzlich USB) nach „Außen“, als auch für die Software (Betriebssystem und Programme) ein wenig voraus. Auch laufen auf dem WePad bspw. auch Apps für Google Android.

Die Funktion als „Gatekeeper“ die Apple mit dem iTunes-Store innehält mag zwar für ein gewisses Niveau an Qualität sorgen doch kommt es einer Zensur schon sehr nahe, wenn Apps aus dem Angebot genommen werden die nicht bestimmten moralischen Wertvorstellungen von Apple entsprechen.

Der Nutzer sollte eigentlich mündig genug sein, selbst entscheiden zu können welche App dieser auf seinem Gerät einsetzen will. Eine Bevormundung durch nur eine Instanz (Apple) ist nicht mehr zeitgemäß. Gerade dem Journalismus als vierte Gewalt sollte mit solchen rigiden Maßnahmen kein Riegel vorgeschoben werden. So hat bspw. Gruner+Jahr offengelassen, ob Inhalte von Anfang an auch für das iPad ausgeliefert werden sollen.

Auch eine Anpassung von Inhalten für Apps um auf allen möglichen Plattformen mögliche Restriktionen zu umgehen ist nicht nur aufwendig und teuer, es widerspricht auch dem Grundgedanken journalistischer Freiheit. Dabei spielt es keine Rolle, wie diese moralisch oder qualitativ zu werten ist. Der Nutzer wird schließlich entscheiden, welche Plattform für seine Bedürfnisse am sinnvollsten ist.

Vor allem für Verlage ist jedoch die Art des Publishings an sich von größerer Bedeutung als nur die Bereitstellung von Inhalten über bestimmte Kanäle (Internet, mobile App, Print). Welche Auswirkungen hat es sich auf nur ein Kiosksystem festzulegen (bspw. iTunes), oder welche Erträge lassen sich erwirtschaften mit welchen Margen, und wie erreiche ich meine Zielgruppe am besten? All diese Fragen müssen sich Verlage stellen.

Mit dem WeMagazine ePublishing Eco System bietet Neofonie ein Werkzeug mit dem Verlage Ihre Printausgabe schnell für digitale Lesegeräte aufbereiten können. Die Anbindung an Adobe Indesign vereinfache diesen Prozess weiterhin. Der Umweg über den App-Store von Apple könnte so entfallen und somit auch dessen Restriktionen.

Die Erzeugung von Content durch den Endnutzer wird dagegen am Anfang weniger im Vordergrund stehen obwohl dies natürlich auch möglich ist.

Quelle: Neofonie

Synchronisation

Apple hat durch das geschlossene System (Synchronisation über iTunes und den App-Store) die Kontrolle über die Anwendungen und teilweise auch über Inhalte und kann so mit einer guten Marge am Verkauf von Content über dieses Kiosksystem mitverdienen. Um Content wie bpsw. Filme oder Musik auf das iPad zu laden ist immer die Synchronisation mittels iTunes notwendig. Beim WePad hingegen kann der Content direkt über die USB-Schnittstelle übertragen werden. Die Notwendigkeit einer Middleware entfällt hier. Dies ist meiner Meinung nach einer der Hauptgründe für einen sinnvolleren mobilen Einsatz mit dem WePad außerhalb der eigenen vier Wände, da nicht überall die Möglichkeit zur Synchronisation über iTunes gegeben ist. Auch die Synchronisation über die Cloud macht nur bedingt Sinn da dies an bestimmte technische Voraussetzungen gebunden ist. Nicht jedes Gerät verfügt über 3G, und nicht jeder Nutzer kann oder will für die Datenübertragung zahlen die dazu notwendig ist, einen ausreichend guten und bandbreitenstarken Netzzugang vorausgesetzt (WLAN, 3G).

Kostenlose Inhalte und Paid Content

Die Alles-ist-kostenlos Kultur der Nutzer in Bezug auf Inhalte aus dem Internet wird es den Vermarktern von digitalen Inhalten schwer machen den Nutzer zur Kasse zu bitten. Nur wenn ein wirklicher auch messbarer Vorteil im Vergleich zu einem Printprodukt existiert wird der Verbraucher auch bereit sein für einen Inhalt zu zahlen.

Digitale Inhalte müssen somit deutlich billiger als physische Inhalte (bspw. Bücher) sein um die Nachteile von digitalen Medien auszugleichen. Ein Hindernis bildet hier DRM (digital rights management). Inhalte können auf Grund von DRM häufig nicht weitergegeben oder weiterverkauft werden. Außerdem muss man dem Nutzer begründen können, warum dieser für Inhalte bezahlen soll, die dieser auf alternative Weise kostenlos über das Netz bekommen kann. Nur ein Verweis auf die Möglichkeit der Interaktion ist hier zu wenig.

So kann gerade bei fachspezifischen oder wissenschaftlichen Themen diese Geräteklasse ihre Stärken ausspielen. Dazu gehören z. B. die Verbindung (Verlinkung) mit ähnlichen relevanten Themen, Schlagwörtern, oder einfach nur ergänzenden Inhalten. Erfolg dürfte die Kombination von Print Ausgabe und digitalen Inhalten versprechen, wenn der Nutzer bereits ein (Print)Abonnement besitzt. Hier ergibt sich ein wirklicher Mehrwert für den Kunden. Da die Inhalte für Print sowieso zuerst mit einem Layoutprogramm erstellt werden müssen, erscheint der Ansatz von Neofonie für Verlage der attraktivere beim Publishing von digitalen Inhalten zu sein.

Es wird sich also v. a. die Frage stellen, warum ein Nutzer für bestimmte Inhalte für eine mobile App bezahlen soll, wenn genau diese Inhalte kostenlos im Netz zu finden sind. Macht es bei der Geräteklasse der Smartphones u. U. noch Sinn, Inhalte speziell auf diese aufzubereiten, erschwert gerade die Diplaygröße der Tablets eine Begründung dafür, da auf diesen Geräten ein Vielfaches dargestellt werden kann.

Auflösungen ausgewählter Geräte

iPhone 3GS 480×320 Pixel
HTC HD2 480×800 Pixel
Motorola Milestone: 480×854 Pixel

Auflösungen (Quellen: Amazon, Google)

Tablets in Verbindung mit Kiosksystemen

Chancen

  • Standardisierter Prozess bei Kiosksystemen (Abrechnung, Plattform, Bedienung)
  • Qualitäts(vor)kontrolle
  • Applikation muss nur für ein Zielsystem entwickelt werden
  • Content kann geräteunabhängig präsentiert werden.
  • Bestehende Infrastruktur und Nutzerschaft
  • Bequemlichkeit und Einfachheit
  • Synchronisation über die Cloud ist einfach und schnell

Risiken

  • Lock-in Problematik bei proprietären Systemen (Ausschluss von potentiellen Nutzern, Anwendungen und Inhalten)
  • Quasizensur möglich (Inhalte werden vorab kontrolliert) und Abhängigkeit vom Distributor (bspw. iTunes Store)
  • Nutzer wollen für kurzlebige Inhalte eher wenig oder nichts bezahlen -Kostenlosmentalität
  • Eingeschränkte Darstellung von Inhalten im Netz. Kein Flash möglich beim iPad
  • Netzverbindung muss vorhanden sein, wenn interaktive Inhalte genutzt werden sollen
  • Synchronisation nur über iTunes Software und nicht direkt (Kontrolle der Apps durch Apple)
  • Cloud – Wer hat Zugriff auf die Daten?
  • Verkaufen oder verschenken von digitalen Inhalten ist eher schwer (DRM) anders als bei einem Buch

Vermarktung von Inhalten

Welche Inhalte können mit dieser Geräteklasse am besten vermarktet werden?

Im Prinzip alle Inhalte für die es auch Apps (iPhone, iPod touch) gibt. Neben diesen bereits bekannten, gibt es bereits spezielle Apps die für die neue Displaygröße optimiert sind.

Vor allem im Printbereich bieten sich neue Möglichkeiten Content und Werbung auf diesen Geräten darzustellen.

Zwei gelungene Beispiele für die Möglichkeiten die ein Tablet als Onlinemedium bietet zeigen wired und Sports illustrated.

The Wired Tablet App: A Video Demonstration

Sports Illustrated Tablet Demo

Sofern die beworbenen Produkte für eine spezielle Darstellung aufbereitet wurden, kann sich der Nutzer sofort mit damit auseinandersetzen, ohne den Umweg über die Webseite des werbenden Unternehmens zu gehen. Produkte die früher nur zweidimensional (als Bild) dargestellt werden konnten erwachen nun durch interaktive Möglichkeiten der Exploration zu Leben.

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